Logopädie 2017-07-13T07:18:02+00:00

Fütterstörung

Essen und Trinken sind elementare Funktionen unseres Lebens und prägen schon die Neugeborenenzeit.

Ein Säugling, der zufrieden nach der Nahrungsaufnahme lächelt und dann wieder einschläft, ist für uns Erwachsenene schön anzusehen und strahlt auf uns Ruhe und Zufriedenheit aus. Aber nicht bei allen jungen Kindern verläuft die Füttersituation so entspannt und unbekümmert.

15  – 20 %  aller Kinder leiden an einer leichten bis mittelschweren Trink- und Essstörung und 3 – 7 %  an einer schweren Störung der Nahrungsaufnahme (Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung).

Für einige Eltern und Neugeborene entwickelt sich die Nahrungsaufnahme nicht zu einer entspannten Kommunikation/Situation.
Die Kinder saugen nur sehr schwach, drehen sich immer wieder von der Nahrungsquelle weg, öffnen den Mund nicht, machen sich ganz steif, trinken nicht die vorgegebene Nahrungsmenge, schlafen immer wieder ein, wirken unruhig, unzufrieden und/oder weinen viel beim Trinken. Die Nahrungsaufnahme entwickelt sich zum Kampf und nicht zu einer vertrauten Bindung. Mit diesem Verhalten haben häufig Eltern von zu früh geborenen Kindern, Säuglingen, die sondiert wurden, Kinder mit Syndromen (Down-Syndrom), cerebralparetische Kinder oder Kinder mit anatomischen Auffälligkeiten wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalten zu kämpfen.

Aber auch zu einem späteren Zeitpunkt, wenn das Kleinkind beginnt erst breiige Kost und später feste Kost zu sich zu nehmen, kann es zu Schwierigkeiten beim Füttern, Essen und/oder Trinken kommen.

Es gibt kein Patent, dass für jede Ess- Trink- oder Füttersituation anzuwenden ist, sondern wir schauen in der Therapie sehr differenziert nach den Nahrungsfunktionen, den Interaktionen und der Kommunikation und versuchen dann aus verschiedenen Therapieansätzen den passenden Weg zu finden.

Funktionelle Schluckstörungen (Myofunktionelle Störungen)

Im Rahmen einer funktionellen Schluckstörung können mehrere Symptome auftreten:

  • inkompletter Mundschluss/Mundatmung,
  • auffällige Lippen-/Zungenstruktur,
  • unphysiologische Zungenruhelage
  • Vorverlagerung der Zunge beim Schlucken bei insgesamt unausgeglichener Muskelbalance im Mund-, Gesichts- und Halsbereich
  • Zähneknirschen,
  • Zahnimpressionen, Entzündungen des Zahnfleischs/Zahnbetts,-
  • Kiefergelenkspathologien
  • Schmerzfunktionssyndrom

Begleitend können Artikulationsstörungen (häufig das /s/ und /sch/ betreffend) sowie Zahn- und Kieferfehlstellungen auftreten.

Sprech- und Sprachstörungen bei Kindern und Jugendlichen

An den kindlichen Lall- und Lautäußerungen im ersten Lebensjahr wird deutlich, wie ein Kind versucht sich mit Hilfe seiner „Sprechwerkzeuge“ wie Lippen, Zunge, Gaumen oder Kehlkopf mitzuteilen. Eltern greifen diese Sprechversuche auf und versuchen ihnen Bedeutung zu geben, d.h. sie mit (sprachlichem) Inhalt zu füllen.

Die Sprachentwicklung bezieht sich auf den Erwerb von Regeln des Lautsystems, des Wortschatzes, der Grammatik und der Textkompetenz (Erzählen, Beschreiben von Ereignissen).

Die Entwicklung des Sprechens bezieht sich auf die Bildung von Lauten, die Sprechgeschwindigkeit (-flüssigkeit), die Betonung und den Stimmeinsatz.
Ziel der Sprach- und Sprechentwicklung ist die Fähigkeit zu „kommunikativer Kompetenz“. Mit dem Begriff „kommunikative Kompetenz“ wird die Summe aller sprachlichen und nicht-sprachlichen Fähigkeiten bezeichnet, die das Kind einsetzt, um seine Gedanken, Intentionen auszudrücken und sie seiner Umwelt mitzuteilen. Die Entwicklung dieser Fähigkeit kann schon früh beobachtet werden, z.B. wenn ein Kind beginnt auf unterschiedliche Weise zu schreien, weil es entweder Hunger hat oder auf den Arm möchte oder auf Dinge zeigt, die es haben möchte.

 

Symptome und Ursache:
Die Sprech- und Sprachauffälligkeiten im Kindesalter können unterschiedliche Symptome und Ursachen haben. Es können Störungen im Bereich der Sprachentdeckung, des Sprachverständnis, des Wortschatzes, der Aussprache, der grammatikalischen Entwicklung, und des Erzählens auftreten. Aber auch Störungen des Redeflusses, der Hörverarbeitung (auditiven Wahrnehmung), der Stimme und des Lese- und Schreiberwerbs zählen dazu. Die Sprachentwicklung muss hierbei aber immer im Rahmen der Gesamtentwicklung betrachtet werden. Von einer Störung wird dann gesprochen, wenn der Rückstand zur durchschnittlichen Sprachentwicklung 6-12 Monate beträgt und/ oder die Kommunikation im Alltag sehr stark beeinträchtigt ist.

Organisch bedingte Schluckstörungen (Dysphagien)

Schluckstörungen (Dysphagien) äußern sich durch sehr unterschiedliche Symptome oder Beeinträchtigungen und sind deswegen nicht immer sofort als Störung zu erkennen. Die nachfolgenden Beeinträchtigungen geben Hinweise auf eine Schluckstörung:

  • Lähmungen im Lippen-, Zungen- und Wangenbereich (der Betroffene hat ein „schiefes“ Gesicht oder ein Mundwinkel hängt herab).
  • Häufig kommt es zu Verschlucken und Husten während oder direkt nach dem Essen oder sogar zu Erstickungsanfällen. Es läuft Speichel oder Nahrung aus dem Mundwinkel, der Speichel kann nicht mehr herunter geschluckt werden.
  • Manchmal spüren die Betroffenen die Nahrung auch nicht mehr gut im Mund und bemerken so z. B. verbleibende Reste im Mundraum nicht, die potentiell zu einem vermehrten Verschlucken und einer erhöhten Aspirationsgefahr (Einatmung von Speichel, Nahrung, Flüssigkeiten) führen. Eine Aspiration kann lebensbedrohlich werden.
  • Nahrungsmittel, die vorher ohne Problem geschluckt wurden, bereiten plötzlich Schwierigkeiten. Die Nahrung kann nicht mehr geschluckt werden, die Betroffenen haben das Gefühl, das Essen bliebe im Hals stecken, die Nahrungs- und Trinkmenge hat sich insgesamt vermindert.
  • Auch immer wieder auftretende unklare Fieberschübe können Hinweis für eine Dysphagie sein.
  • Weitere Symptome sind: Schmerzen beim Schlucken, Haltungsänderungen („Kopfvorschub“), plötzliche unklare Gewichtsabnahme, Vermeidung von öffentlichen „Essanlässen“.

Generell gilt, dass bei jeglichen auftretenden Problemen bzgl. der Nahrungsaufnahme oder bei einer bereits bekannten verursachenden Grunderkrankung eine Schluckstörung ursächlich sein kann. Es sollte auf jeden Fall ärztlicher Rat eingeholt werden.

Stimmstörungen bei Kindern und Erwachsenen (Dysphonien)

Als Stimmstörung bezeichnet man eine Beeinträchtigung der Stimm- und/ oder Atemfunktionen. Eine Stimmstörung kann sich in einer andauernden Veränderung des Stimmklangs, der Stimmhöhe, der stimmlichen Leistungsfähigkeit, der Rufstimme und der Atmung ausdrücken. Die Ursachen können hierbei sehr verschiedenen sein. Stimmstörungen treten zum Beispiel durch organische Veränderung, Fehlbelastungen und Überlastungen des Kehlkopfes auf. Auch durch Stimmlippenlähmung (Recurrensparese) können Stimmstörungen auftreten. Eine Stimmtherapie ist bei länger andauernden Stimmbeschwerden nach medizinischer Abklärung sinnvoll und notwendig.

Welche Symptome weisen auf eine Stimmstörung hin?
Die Symptome sind je nach Art der Stimmstörung sehr unterschiedlich. Die Stimme kann rau, heiser und belegt klingen. Sie kann aber auch behaucht, sehr leise oder tonlos (aphon) sein. Die Stimmlage/ Stimmhöhe kann betroffen sein, so dass man zu hoch oder auch zu tief spricht. Häufig ist die Stimme weniger belastbar- es kommt hierdurch zu einer raschen Stimmermüdung insbesondere bei längeren Gesprächspassagen.

Die Ruhe- und Sprechatmung können ebenfalls beeinträchtigt sein. Die Luft reicht häufig nicht zum Sprechen nicht, teilweise kommt es hierdurch zu einem hörbaren Einziehen der Luft. Häufg ist die Atmung insgesamt zu schnell, zu flach und nicht tief genug. Auch Missempfindung im Halsbereich wie Schmerzen, Fremdkörper- oder Trockenheitsgefühl sind häufig zu spüren. Es kann zu einem erhöhten Räusperzwang und Hustenreiz kommen.

Neben der gestörten Sprechstimme kann auch die Singstimme (=Dysodie) betroffen sein.

Therapiemethoden

FOTT

Die „Facial Oral Tract Therapy“ wurde von der englischen Sprachtherapeutin Kay Coombes in Zusammenarbeit mit dem Ehepaar Bobath entwickelt. Der Ansatz hat seine Wurzeln in der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit erworbenen Hirnschädigungen.

FOTT verfolgt die folgenden  Ziele:
Die Patientinnen und Patienten zu möglichst normaler, physiologischer Haltung, Bewegung und Funktionen im Rahmen sinnvoller, alltäglicher Handlungsabläufen zu verhelfen.  Die Kommunikationsfähigkeit und die Partizipation am täglichen Leben und somit die Integration in die Gesellschaft so weit wie möglich wieder zu ermöglichen.

Das Konzept der F.O.T.T. gliedert sich in vier Bereiche:

  • Nahrungsaufnahme
  • Mundhygiene
  • Nonverbale Kommunikation
  • Atmung – Stimme – Sprechen

FOTT legt grossen Wert auf die Schaffung einer optimalen Haltung zur Erleichterung von Funktionen wie Schlucken und Sprechen. Die Therapeuten nutzen in der Behandlung sinnvolle, individuell und therapeutisch zu variierende, alltägliche Aktivitäten anstelle von standardisierten Übungen. Bewegungs- und Handlungsabläufe werden  fazilitiert und wo es notwendig erscheint, wird auf Körperstrukturebene gearbeitet, um die Bewegungsvorgänge wieder zu bahnen, um Einschränkungen in der Mobilität des Nervensystems, Kontrakturen, Faszienblockierungen des jeweiligen Zielgewebes zu minimieren.

Neuromotorische Entwicklungstherapie nach Brondo

Das Konzept ist ein umfassendes, neuro-physiologisch orientiertes Therapiekonzept für Kinder und Erwachsene mit sensomotorischen und orofazialen Störungen.

Das Behandlungskonzept
In diesem Konzept werden komplexe Handlungen wie Saugen, Schlucken, Atmen, Kauen sowie mimische Bewegungen angebahnt und verbessert. Das Konzept wird bei Kindern und Erwachsenen mit sensomotorischen Störungen im Bereich des Gesichts, sowie des Mundes und Rachens, angewandt und ist besonders für die Behandlung von Saug-, Schluck -, Atem-, Kau- und Sprechstörungen geeignet.

Diese Behandlungsart eignet sich ebenfalls für erwachsene Patienten mit erworbener oder angeborener Facialisparese, Dysphagie, Sprechstörung bei Schlaganfall und anderen neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose u.a. Die Behandlung dient auch der Vorbereitung der Muskulatur (regulación o adaptación del tono a la función) für die Funktionen beim Essen, Trinken und Sprechen. Durch die Stimulation bestimmter Bereiche des orofazialen Komplexes werden die sensomotorischen Bewegungsabläufe der mimischen Muskulatur sowie der Zungen-, Kau- und Schluckmuskulatur verbessert und die Atmung positiv beeinflusst.
Zur Unterstützung der Therapie ist in einigen Fällen eine individuell von Kieferorthopäden angefertigte Gaumenplatte hilfreich. Sie verfolgt die gleichen Ziele wie die Übungsbehandlung und unterstützt diese positiv.

Die Therapie setzt exaktes Wissen über die muskulären Verläufe, ihre Innervierung, die verschiedenen Muskelsinergien, Muskelfunktionen, die Entwicklung der physiologischen Funktionen des orofazialen und gesamtkörperlichen Komplexes und die Wechselwirkung dieser Systeme und ihre Verarbeitung im Gehirn voraus.
Der Therapieansatz für Säuglinge und Kinder orientiert sich an der normalen sensomotorischen Entwicklung des Kindes. Die taktil-propiozeptiven und motorischen Erfahrungen werden durch Behandlungstechniken wie Dehnung, Zug, Druck und Vibration eingeleitet.

Ziele der Behandlung

  • eine Verbesserung der aktiven Aufrichtung und Bewegung
  • einer Aktivierung und Regulierung der Funktionen wie Saugen, Schlucken und Speichelkontrolle
  • eine verbesserte Wahrnehmungsentwicklung (Sehen, Spüren, Hören)
  • eine Verbesserung des Kauens, der Mimik sowie der allgemeinen Artikulation
  • eine verbesserte Koordination der sensomotorischen Entwicklung des Kindes

Regelmäßige Behandlung
Für den Erfolg des Behandlungskonzeptes ist eine regelmäßige Behandlung nötig. Die Eltern werden unterstützt und in ihren elterlichen Kompetenzen bestärkt. So können sie regelmäßig nach intensiver Anleitung des Therapeuten kleinere Übungseinheiten zu Hause wiederholen.

Ein weiteres, wichtiges Ziel der Behandlung ist die Vermeidung von Kompensationsstrategien, die zu ungewünschten Komplikationen führen können. Ziel ist eine Erweiterung der nonverbalen und verbalen Kommunikationsmöglichkeiten. Somit folgt daraus auch eine Förderung der Selbständigkeit, beispielsweise bei der Kommunikation, des Essens und des Trinkens, sowie der Fortbewegung.

Castillo Morales

Die Therapie orientiert sich an der normalen sensomotorischen Entwicklung. Behandlungstechniken sind Zug, Druck und Vibration, welche propriozeptive Erfahrungen verdeutlichen. Die visuelle Orientierung im Raum wird dazu haltungstabilisierend genutzt. Die Patienten werden dadurch in die Lage versetzt, ihre Umwelt besser wahrzunehmen, sie werden aufmerksamer und kommunikationsfreudiger.

Ziele der Behandlung

  • Aktivierung und Regulierung der orofacialen Funktionen wie Saugen, Kauen und Schlucken, sowie die Kontrolle des Speichelflusses, die Regulation der mimischen Muskulatur und die Verbesserung der Artikulation,
  • Verbesserung der Aufrichtungs- und Bewegungsfähigkeiten,
  • Erweiterung nonverbaler und verbaler Kommunikationsmöglichkeiten,
  • Förderung der Wahrnehmungsentwicklung im taktilen, tiefensensiblen und vestibulären Bereich sowie Sehen, Hören und Schmecken.

Bei der Arbeit am orofazialen Komplex müssen wir bedenken, dass der Mund- und Gesichtsbereich mit zu den sensibelsten und intimsten Zonen des menschlichen Körpers gehört. Wir müssen dem Kind Sicherheit vermitteln und ihm genügend Zeit lassen, Vertrauen zu gewinnen.

Das Menschenbild, welches Castillo Morales vermittelte, war für jeden erfahrbar, der ihn in einer Behandlungssituation mit Kindern erlebt hat. Die Person des Menschen mit Behinderung stellt Castillo Morales in den Mittelpunkt seiner Behandlung. Es sollen keine Verhaltensweisen eingeübt werden, sondern es wird den Kindern ein Weg gezeigt, sich Entwicklungsschritte selbst zu erarbeiten. So kann es zu einem vertrauensvollen Dialog in Gegenseitigkeit als grundlegende Voraussetzung jeder therapeutischen Situation kommen. Nur ein Mensch, der sich wohl fühlt, spielt, probiert und lernt.